28.11.2019 Druckversion

"Einer schaut solidarisch nach dem anderen"

Warum sich ein Intensivmediziner im Ruhestand für Kuba einsetzt. Ein Gespräch mit Rainer Lindemann.
Havanna, 29. Oktober 2019, Intensivstation der Geburtsklinik „Ramón González Coro“, Untersuchung eines Neugeborenen mit einem Ultraschallgerät, das „Cuba Sí“ aus Spendenmitteln nach Kuba schicken konnte. Foto: Cuba Sí
Havanna, 29. Oktober 2019, Intensivstation der Geburtsklinik „Ramón González Coro“, Untersuchung eines Neugeborenen mit einem Ultraschallgerät, das „Cuba Sí“ aus Spendenmitteln nach Kuba schicken konnte. Foto: Cuba Sí
  • Ihre Gruppe von hauptsächlich im medizinischen Bereich tätigen Menschen in der AG »Cuba Sí« unterstützt die Geburtsklinik Ramón González Coro in Havanna durch Beschaffung von Medizintechnik. Ist das Gesundheitssystem des sozialistischen Inselstaats durch die verschärfte Handels- und Wirtschaftsblockade der USA gefährdet?

Aktuelles Beispiel gefällig? Am Freitag mittag rief mich der Verkaufsrepräsentant einer großen Medizintechnikfirma an: Unsere Gruppe könne ein Gerät für die Neugeborenenintensivstation für die besagte Klinik nicht kaufen, weil es in einer Niederlassung in den USA produziert wird, hieß es. Die US-Mitarbeiter der Firma liefen sonst Gefahr, sich strafbar zu machen. So wirken sich die Blockadegesetze aus.

  • Konnten Sie bisher trotzdem helfen?

Ja. Wir konnten zum Beispiel spezielle Spritzen, Kanülen und Schläuche beschaffen, dazu Beatmungs- und Überwachungsgeräte sowie ein hochwertiges Ultraschallgerät für 18.500 Euro. In der Intensivstation für Früh- und Neugeborene war der Bedarf am größten. Die Kinder- und Säuglingssterblichkeit konnte nach der Revolution stetig gesenkt werden. Heute liegt sie auf dem Niveau hochentwickelter Industriestaaten.

  • Weshalb engagieren Sie sich für Kuba?

Als Bürger der DDR, ehemals Pionier, Mitglied der Freien Deutschen Jugend und der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands hatte ich schon durch meine Biographie eine gewisse Beziehung zu Kuba. Erstmals bin ich aber 2016 dorthin geflogen, nachdem der damalige US-Präsident Barack Obama diplomatische Beziehungen mit Kuba wieder aufgenommen hatte. Ich wollte mir den Sozialismus dort anschauen, bevor die USA maßgeblich Einfluss nehmen. Ich war begeistert von der Lebenseinstellung der kubanischen Menschen und ihren politischen Überzeugungen.
Ich denke etwa an die Maidemons­tration, die ich 2017 in Pinar del Río erlebte. Die Kubaner sind zu etwa 70 Prozent von den Vorteilen ihres sozialistischen Systems überzeugt. Sie feiern ihre kostenlose Gesundheitsversorgung und Bildung sowie den Umstand, dass Sicherheit herrscht. Sie leben bewusst mit ihrer Geschichte und kennen ihre Revolutionäre wie Fidel Castro, Che Guevara, Camilo Cienfuegos.
Ein Taxifahrer erzählte mir spontan von Cienfuegos’ Tod; von der Maschine, mit der er am 28. Oktober 1959 unterwegs war und die plötzlich spurlos über dem Atlantik vom Radar verschwand. Er berichtete, dass bis heute ungeklärt ist, ob es sich um einen Unfall oder ein Attentat handelte. Kinder werfen im Gedenken an Cienfuegos Blumen ins Meer. Alle sind stolz auf ihre revolutionäre Geschichte.

  • Glauben Sie nicht, dass dabei manches romantisiert wird?

Nein, es hat einen reellen Hintergrund. In Kuba haben sich die Menschen diesen Staat erkämpft. Viele mussten dafür ihr Leben lassen. Die Revolution aber ging weiter und gipfelte am 1. Januar 1959 in dem Sturz der Batista-Diktatur.

  • Bürgerliche Medien bezeichnen hierzulande das sozialistische Kuba als Diktatur.

Aus meiner Sicht ist es eine Gesellschaft, die sich selbst mit Eigenverantwortung gut organisiert. Mittlerweile gibt es etwa eine starke Bewegung gegen die Unterdrückung der Homosexualität – sogar staatlich gefördert –, um für mehr Akzeptanz zu sorgen. Ein anderes Beispiel ist der Straßenverkehr: Ist ein Bus voll, fordert jemand den letzten Fahrgast auf, die Tür zu schließen, und gibt dem Fahrer ein Zeichen, dass er losfahren kann.

  • Kann das nicht auch heißen, dass Bürger sich gegängelt fühlen?

Nein. Einer schaut solidarisch nach dem anderen. Ein Beispiel: Meine Frau, eine Kubanerin, kocht Essen, geht mit einem vollen Teller raus und gibt ihn ihrer Nachbarin. Dass ein Nachbar erst sechs Wochen nach seinem Tod in seiner Wohnung entdeckt wird, wie ich es als Notarzt in Deutschland erleben musste, das gibt es dort meiner Erfahrung nach nicht.

  • Was fordern Sie bezüglich der US-Außenpolitik gegenüber Kuba?

Der vom Präsidenten Donald Trump aufgekündigte Deal seines Vorgängers Obama führt in Kuba zu Versorgungsmängeln. Die USA müssen die Blockade beenden. Ein geflügeltes Wort in der kubanischen Bevölkerung: Trump es loco – Trump ist verrückt.

 


Rainer Lindemann ist Chirurg, Intensivmediziner und Notarzt im Ruhestand und engagiert sich in der Arbeitsgemeinschaft Cuba Sí der Partei Die Linke

 

Das Interview führte Gitta Düperthal

Quelle: junge Welt, Ausgabe vom 18.11.2019, Seite 2 / Inland

Veröffentlicht in Gegen die Blockade | Tags: Gesundheitssystem, Menschenrechte, Solidarität, US-Blockade